Wie ein Podcast Offenheit inszeniert und Aufmerksamkeit produziert
Von Hardy Prothmann
„4,5 Stunden spreche ich mit einem Mann, der auf der einen Seite großen Rückhalt aus weiten Teilen der Bevölkerung genießt, und auf der anderen Seite gerne als das personifizierte Böse dargestellt wird.“
So rahmt Ben Berndt sein Gespräch mit Björn Höcke in seinem Podcast-Format „ungeskriptet“. Und jubiliert auf Twitter:
„Der Podcast hat in etwas mehr als 24 Stunden 1,2 mio Aufrufe mit mehr als 100k likes, mehr als 30k Kommentare, überwältigend positiv. Das dürfte das erfolgreichste politische Video gewesen sein, was es jemals auf YouTube Deutschland gab.“
Nach zwei Tagen werden es über zwei Millionen Aufrufe sein.
Der Frame vor dem Gespräch
Der Satz aus der Videobeschreibung ist bemerkenswert, weil er das Format in einem Moment offenlegt. Er enthält bereits die Dramaturgie: Polarisierung, Überhöhung, Spannung. Und er enthält eine Behauptung, die einer Überprüfung nicht standhält.
Wie aus Minderheit „breiter Rückhalt“ wird
Ein Blick auf die Zahlen: Thüringen stellt rund 2,5 Prozent der deutschen Bevölkerung – etwa 2,1 Millionen von rund 84 Millionen Menschen, gut 60 Millionen sind wahlberechtigt. Bei der Landtagswahl 2024 haben 32,8 Prozent der 1,7 Millionen Wahlberechtigten bei einer Wahlbeteiligung von gut 70 Prozent die AfD gewählt. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung Thüringens entspricht das etwa einem Fünftel – in absoluten Zahlen rund 400.000 bis 450.000 Wählern. Björn Höcke selbst verfehlte in seinem Wahlkreis das Direktmandat.
Überträgt man diese Größenordnung auf Deutschland, entspricht das weniger als einem Prozent der Wahlberechtigten (0,7 Prozent).
Die Rahmung „großer Rückhalt in weiten Teilen der Bevölkerung“ ist vor diesem Hintergrund mindestens eine erhebliche Überdehnung.
Diese Verschiebung von Größenordnungen ist kein Detail. Sie verändert die Wahrnehmung: Aus einer klar begrenzten Minderheit wird sprachlich ein „weiter Teil“. Solche Formulierungen wirken präzise, sind es aber nicht und halten einer Überprüfung nicht stand.
Aber sie setzen einen Frame.
Und dieser Frame ist kein Ausrutscher. Er ist typisch für ein Format, das sich „ungeskriptet“ nennt – und seine Wirkung gerade aus dieser Inszenierung bezieht.
Ben Berndt ist als Host das Systemelement
Benjamin Berndt, 41 Jahre alt, Unternehmer, beschreibt sich selbst als jemanden, der lernen will. Er sei kein Journalist, betont er immer wieder. Er wolle verstehen, nicht konfrontieren. Sein Podcast sei der Versuch, „echte Gespräche“ zu führen, ohne die Zwänge klassischer Medien.
Diese Selbstbeschreibung ist zentral. Sie senkt Erwartungen an Widerspruch und Einordnung. Wer kein Journalist sein will, muss nicht prüfen, nicht einordnen, nicht widersprechen. Er kann zuhören.
Gleichzeitig erfüllt „ungeskriptet“ zentrale mediale Funktionen: Auswahl von Gesprächspartnern, Setzen von Themen, Rahmung durch Titel und Beschreibung, Veröffentlichung für ein großes Publikum. Im Gesellschaftsvertrag der verantwortlichen Firma wird „Journalismus“ als Teil des Unternehmensgegenstands genannt. Öffentlich wird diese Rolle zurückgewiesen. Strukturell wird sie genutzt.

Auszug aus der GmbH-Satzung.
Quelle: Handelsregister
Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Und er entfaltet Wirkung.
Denn er schafft eine Position mit hoher Reichweite bei geringen Prüfanforderungen.
Aufmerksamkeit und Anschluss
Entsprechend greifen auch klassische Medien das Gespräch auf. Der Spiegel berichtet darüber, ebenso die Berliner Zeitung und Die Welt. Im Zentrum steht dabei meist die Frage, ob man einer Figur wie Höcke diese Bühne bieten sollte. Wie diese Bühne konkret funktioniert, wird deutlich seltener untersucht. Doch Berndt reicht das nicht. Fast enttäuscht fragt er, wo denn Bild und Nius mit einer Berichterstattung bleiben – es scheint, als vermisse er die Aufmerksamkeit in den sonst gescholtenen „die Medien“.
Das Gespräch folgt einem immergleichen „Drehbuch“
Die Gespräche selbst folgen einem wiederkehrenden Muster. Sie beginnen selten mit einer offenen Frage, sondern mit einer Setzung: Medien versagen. Das System ist manipulativ. Die Gesellschaft ist in Gefahr. Diese Thesen werden im Gespräch werden kaum kritisch überprüft oder belegt, sondern entfaltet.
Es folgt der Aufbau von Autorität. Die Gäste bringen Rollen mit, die Anschluss erzeugen: der langjährige ZDF-Mann, der „weiß, wie es läuft“, der Professor mit Daten, der Wissenschaftler mit umfassender Theorie, der Medienunternehmer, die politische Konfliktfigur.
Diese Auswahl ist kein Zufall. Sie strukturiert das Gespräch bereits vor seinem Beginn.
Im weiteren Verlauf werden Beobachtungen ausgeweitet. Einzelne Erfahrungen werden zu allgemeinen Diagnosen, Daten zu umfassenden Deutungen. Begriffe wie „System“, „Narrativ“ oder „Meinungsfreiheit“ strukturieren diese Erzählungen, bleiben dabei oft unscharf. Gerade diese Unschärfe macht sie anschlussfähig.
Der Host spielt dabei eine zentrale Rolle. Er gibt sich neutral, ist es aber nicht. Er strukturiert den Raum. Er stellt Fragen, greift Thesen auf, formuliert sie zugespitzt – und überlässt dem Gast die Ausführung. Skepsis wird angedeutet, aber selten konsequent verfolgt. Widersprüche bleiben häufig stehen.
So entsteht kein Streitgespräch, sondern ein stabiler Erzählraum.
Wenig Reibung, stabile Erzählräume
Die oft betonte Länge der Gespräche verstärkt diesen Effekt. Vier Stunden erscheinen als Gegenmodell zur verkürzten Medienlogik. Tatsächlich ersetzen sie häufig Prüfung durch Ausführlichkeit. Ein Argument wird nicht belastbarer, weil es länger ausgeführt wird. Es wirkt lediglich kohärenter.
Inszenierte Spontaneität
Bereits der Einstieg vieler Folgen widerspricht zudem dem Versprechen der Unmittelbarkeit. Auf YouTube beginnen die Videos mit geschnittenen Einspielern, Musik, schnellen Schnitten und reißerischen Einblendungen. Erst nach mehreren Minuten Inszenierung beginnt das eigentliche Gespräch.
Auch auf der Ebene von Titel, Thumbnail und Beschreibung folgt das Format klaren Mustern. Die Folgen werden mit zugespitzten Formulierungen angekündigt: „Was dir verschwiegen wird“, „Warum niemand darüber spricht“, „Das verändert alles“. Häufig geht es um Tabubrüche, geraunte Gefahren oder vermeintlich unterdrückte Wahrheiten.
Diese Sprache erzeugt Aufmerksamkeit – unabhängig vom tatsächlichen Gesprächsverlauf. Sie setzt Erwartungen, die das Gespräch selbst oft nicht einlöst.
Die Gespräche selbst sind technisch aufwendig produziert: mehrere Kameras, geschnittene Perspektiven, gezielte Bildführung. Spontaneität ist hier Teil der Darstellung, nicht ihr Gegensatz.
Fehler ohne Korrektur
„Die Macht geht vom Volk aus. Das steht in der deutschen Verfassung, ich glaube, der erste Satz.“ Ben Berndt
Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der inhaltlichen Vorbereitung.
Immer wieder werden Begriffe und Zusammenhänge ungenau wiedergegeben. In einer Folge etwa sagt Berndt: „Die Macht geht vom Volk aus. Das steht in der deutschen Verfassung, ich glaube, der erste Satz.“ Tatsächlich lautet Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der zitierte Satz („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“) steht an anderer Stelle und in anderem Kontext.
Wer den ersten Satz des Grundgesetzes nicht kennt, sollte vorsichtig sein, wenn er sich auf die Verfassung beruft. Entscheidend ist nicht der Fehler – sondern dass er im Gespräch nicht auffällt.
Weder im Gespräch noch durch den anwesenden Historiker wird diese Ungenauigkeit korrigiert.
In einem anderen Fall behauptet Berndt, man könne nur viermal zum Bundeskanzler gewählt werden – eine Begrenzung, die das Grundgesetz nicht kennt. Auch hier bleibt der Fehler unkommentiert.
Solche Ungenauigkeiten sind vermeidbar. Sie bleiben folgenlos – und genau das ist Teil des Problems.
Plattformlogik: Das Gespräch als Rohmaterial
Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg liegt jedoch auf einer anderen Ebene: der Verwertung.
Die Gespräche sind nicht das Endprodukt. Sie sind das Rohmaterial. Daraus entstehen kurze, zugespitzte Clips, die auf Plattformen wie YouTube oder X verbreitet werden. Was im langen Gespräch eingebettet ist, erscheint im Ausschnitt als klare Botschaft.
Und hier erklärt sich auch der Erfolg der Höcke-Folge. Sie ist kein Zufallstreffer. Ein stark polarisierender Gast zieht unterschiedliche Publika gleichzeitig an: Anhänger und Gegner, Parteipolitik, Behörden, Medien, Öffentlichkeit. Reichweite entsteht unter diesen Bedingungen nicht trotz, sondern weitgehend unabhängig vom Gesprächsverlauf.
Der Host organisiert diesen Raum. Die inhaltliche Verantwortung wird im Gespräch überwiegend beim Gast verortet. Berndt lehnt sich zurück und lässt laufen.
Vor diesem Hintergrund wirkt auch das Versprechen, man könne aus diesen Gesprächen etwas lernen, zumindest erklärungsbedürftig.
Schaut man auf das Gespräch mit Höcke selbst, zeigt sich eine doppelte Ebene. Auf der einen Seite stehen persönliche, anschlussfähige Beschreibungen. Höcke spricht über seine Rolle als Vater, über seine Zeit als Vertrauenslehrer, über Interessen und Alltag. Das erzeugt Nähe und macht die Figur zugänglich.
Was hat Berndt von Höcke mitgenommen? „überbordenden Multikulturalismus“, „blockiertes Land“, „beschränkte Meinungsfreiheit“?
Daneben stehen jedoch Aussagen von deutlich größerer politischer Tragweite. Höcke spricht etwa von einer „demographischen Katastrophe“ und einer „überbordenen Multikulturalisierung“, die das Land präge. Er beschreibt Deutschland als „blockiertes Land“ und ein Volk, das sich „selbst verloren habe“. An anderer Stelle stellt er die These einer „beschränkten Meinungsfreiheit“ in den Raum.
Diese Aussagen werden im Gespräch nicht systematisch eingeordnet oder überprüft. Es gibt keine vertiefende Nachfrage, keine Gegenposition, keine Einordnung in bestehende Forschung oder politische Debatten.
Was genau lernt man daraus? Die Positionen werden ausführlich dargestellt. Ihre Tragfähigkeit wird nicht überprüft.
Hinzu kommt ein weiterer struktureller Punkt: Das Format greift auf Vorarbeit zurück, die außerhalb entsteht.
Das Format greift auf Vorarbeit zurück, die außerhalb entsteht. Biografien, politische Einordnungen, wissenschaftliche Erkenntnisse – all das stammt aus journalistischer und institutioneller Arbeit.
Diese Informationen werden genutzt, wenn sie passen – und infrage gestellt, wenn sie stören.
Das ist kein Widerspruch. Es ist ein Muster.
„ungeskriptet“ ist ein Format mit Skript
Am Ende ergibt sich ein klarer Befund:
„Ungeskriptet“ ist kein offenes Gespräch im naiven Sinne. Es ist ein Format mit stabiler Dramaturgie, klarer Rollenverteilung und funktionaler Plattformlogik.
Die vermeintliche Offenheit ist Teil der Inszenierung.
Es ist nicht im Detail geskriptet. Aber es folgt klar einer klar erkennbaren Dramaturgie: Also quasi einem Skript.
Hinweis: Am 03. Mai 2026 folgt ein Kommentar zum Thema. Kommentieren Sie vorher gerne selbst – mal schauen, ob ich was aufnehme. An Ben Berndt ging eine email-Anfrage raus zum Thema – bis jetzt keine Antwort. Falls eine folgt, aktualisiere ich.
Aufmacherbild: Bildmontage: geprothmannt. Verwendete Bildquellen: Foto Prothmann. Foto Ben Berndt: Bildrechte ungeskriptet media GmbH, Fotograf: ungeskriptet. Quelle: https://www.presseportal.de/pm/182449/6264420