Der Podcast „Ungeskriptet“ lebt von Journalismus – und erklärt ihn zugleich für überflüssig
Kommentar: Hardy Prothmann
Der Erfolg von „ungeskriptet“ kommt nicht aus dem Nichts. Er trifft einen realen Bedarf. Viele klassische Medienformate sind zu kurz, zu ritualisiert, zu vorhersehbar. Der Wunsch nach längeren Gesprächen ist legitim.
Aber genau hier beginnt die Verwechslung.
Exzessivität ist kein Qualitätskriterium
Exzessive Länge ist kein Qualitätskriterium. Gespielte Offenheit ist keine Methode. Zuhören ist keine Leistung.
„Ungeskriptet“ verspricht Authentizität. Was es liefert, ist empörte Anschlussfähigkeit auf allen Seiten.
Das Format wirkt wie ein Gegenmodell zum Journalismus. Tatsächlich ist es davon abhängig. Es lebt von Informationen, die anderswo entstehen: durch Recherche, durch Redaktionen, durch wissenschaftliche Arbeit, durch Gerichte, durch Behörden. Ohne diese Vorarbeit gäbe es keinen Kontext, keine Figuren, keine Konflikte.
Und genau diese Grundlage wird gleichzeitig infrage gestellt.
Informationen werden genutzt, wenn sie passen – und verworfen, wenn sie stören.
Mut ohne Konsequenz
Das ist kein Widerspruch. Das folgt einem erkennbaren Muster.
Der Host Ben Berndt inszeniert sich als jemand, der „nur verstehen“ will. Als jemand, der sich bewusst außerhalb des Journalismus positioniert. Diese Selbstbeschreibung wirkt entlastend. Wer kein Journalist sein will, muss nicht prüfen, nicht einordnen, nicht widersprechen.
Gleichzeitig organisiert er genau das, was Journalismus ausmacht: Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit, Reichweite.
Das ist keine naive Rolle. Das ist eine strategische.
Sie erlaubt maximale Wirkung bei minimaler Verantwortung.
Das Gespräch ist dabei nicht das Ziel. Es ist das Mittel.
Aufmerksamkeit ersetzt Inhalt
Das eigentliche Produkt ist Aufmerksamkeit.
Und dafür ist das Format optimiert.
Provokation ankündigen. Nähe herstellen. Erzählraum öffnen. Zuspitzung ermöglichen. Clips verbreiten. Reaktionen erzeugen. Kritik integrieren. Reichweite steigern.
Das ist kein Zufall. Das ist ein System.
Und es ist erfolgreich, weil es genau das liefert, was Plattformlogik belohnt: klare Konflikte, starke Figuren, einfache Deutungen.
Willkommen in der Realität
Wie stark dieser Mechanismus wirkt, zeigt ein Blick auf die Zahlen.
Das Gespräch mit Björn Höcke erreicht innerhalb weniger Tage fast drei Millionen Aufrufe auf YouTube – weil hier die Dramaturgie durch Kameraperspektivenschnitt intensiver ist und man sich wenigstens ein „Bild“ machen kann – denn nur über das Gespräch, das eigentlich nur ein moderierter Monolog ist, funktioniert der flache Inhalt weniger gut, wie man bei Spotify (der eigentliche Podcast-Kanal) feststellen kann. Hier bleibt die Reichweite mit rund 400.000 Aufrufen deutlich darunter.
Und: Ein Anschlussgespräch mit dem Verleger der Berliner Zeitung kommt nach einem Tag nur auf einen Bruchteil dieser Zahlen, gerade mal knapp 200.000 Views auf Youtube, also weniger als 10 Prozent. Ist Holger Friedrich tatsächlich so ein Langweiler? Oder stört, dass er deutlich mehr zu sagen hat, über den Osten und die „Volksseele“?
Der Unterschied lässt sich kaum mit inhaltlicher Tiefe erklären. Im Gegenteil: Das weniger mit Tamtam zugespitzte Gespräch bietet mehr Substanz – und erzielt deutlich weniger Aufmerksamkeit.
Die Schlussfolgerung liegt nahe: Reichweite folgt hier nicht primär dem Inhalt, sondern der emotionalen Zuspitzung. Nicht Differenzierung entscheidet, sondern Konflikt. Nicht Erkenntnis, sondern Erregung.
Schockstarre
Ein Podcast mit Millionenpublikum – und kaum medienkritische Einordnung dazu.
Das ist der eigentliche Befund.
Während einzelne große Medien reagieren, bleibt eine systematische Analyse in der Fachöffentlichkeit bislang weitgehend aus. Gerade dort, wo man sie erwarten würde. Oder auch bei tagesaktuellen Medien oder dem ÖRR. Warum?
Naheliegend ist eine Schockstarre. Es liegt nicht daran, dass man inhaltlich einsteigen könnte. Nein. Die große Angst ist, dass Ben Berndt durch Aufmerksamkeit eben noch mehr Aufmerksamkeit erhält.
Ein Trilemma. Denn bei allen, die fest an die „Lügen-Presse“ und „Kartell-Medien“ glauben, wird das verfangen und diese platte Meinung in Stahl betonieren. Eine kritische Betrachtung erzeugte dasselbe Ergebnis. Keine Aufmerksamkeit – dito.
Berndt lässt sich sofort und einfach entzaubern – wenn man will
Das wirft eine zweite Frage auf: Was bedeutet es für ein Mediensystem, wenn Formate mit maximaler Reichweite entstehen – und ihre Funktionsweise kaum öffentlich hinterfragt wird?
Ganz einfach: Kritische Reflexion. Ein Gegenangebot zu diesem PR-Coup für Ben Berndt, der inhaltlich schlicht und ergreifend völlig schwach ist.
Mein Tipp: Ladet ihn sofort in Talk-Shows ein, stellt Anfragen, um Porträts zu schreiben. Dann liegt das Dilemma bei ihm: Nimmt er nicht an, traut er sich nicht. Traut er sich, wird er geprüft. Meine Prognose: Da ist der Lack dann schnell ab.
Der Begriff „Mut“, mit dem das Format (eigentlich Ben Berndt) sich selbst beschreibt, wirkt wie ein rhetorischer Kurzschluss. Mut wäre, Aussagen unter Druck zu setzen. Widersprüche offenzulegen. Unangenehme Fragen zu stellen.
Mut wäre, das eigene Format dieser Prüfung auszusetzen.
Stattdessen bleibt es beim sicheren Setting: viel Raum, wenig Widerstand.
Das ist bequem. Für den Host. Für die Gäste. Für das Publikum.
Und genau deshalb funktioniert es.
„Ungeskriptet“ nutznießt klassischen Journalismus
„Ungeskriptet“ ist kein Gegenmodell zum Journalismus.
Es ist eine nutznießende Variante davon: ein Format, das journalistische Ergebnisse verwertet, ohne journalistische Verfahren systematisch anzuwenden.
Und genau darin liegt sein Erfolg.
Oder anders gesagt:
Nicht die Gespräche sind das Geschäftsmodell. Die provozierte Aufmerksamkeit ist es.
Berndt in der Falle seines „Erfolgs“
Umgekehrt hat sich Ben Berndt genau mit diesem Reichweitenerfolg selbst eine Falle gestellt. Meine Prognose ist: Das wird er nicht mehr toppen können. Sein größter Erfolg wird also sein, dass er einem vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Politiker eine Homestory geboten hat.
Vermutlich scheitert Berndt an seiner Pitch-Logik als Marketingfachmann – er hat seine Braut „ungeskriptet“ maximal aufgehübscht. Es geht aber nicht darum, möglichst viele Aktien oder ein Produkt in den Markt zu drücken und einen Mega-Sale zu machen, sondern Substanz zu bieten und zu halten.
Schon das Folgegespräch mit Friedrich bringt ihn (nicht aber die Fan-Base) auf den Boden der Tatsachen zurück.
Völlig unbemerkt passiert noch etwas anderes – müsste nicht eigentlich die Gesamt-AfD ihn feiern? Ok, Höcke ist auch parteiintern mindestens „umstritten“, aber es gilt doch „Hauptsache Aufmerksamkeit“, oder nicht? Da kommt aber bislang nichts.
Eine mögliche Erklärung wäre, dass sich cleverere AfD-Politiker es nicht mit den „Systemmedien“ verscherzen wollen und nicht als „Höcke-Profiteure“ gelten möchten. Das ist eine offene Hypothese.
Die entscheidende Frage
Spannend ist eine ganz wesentliche Frage, die sich viele aus dem Politik-Geschäft stellen werden: Gehe ich noch den anstrengenden Weg über „klassische“ Medien oder den einfachen über Politik-Podcast-Darsteller, die mir ein Kuschel- und Wohlfühlformat anbieten?
Die Versuchung ist groß.
Salim Samatou hat auch 2.9 Mio Aufrufe. 🤷♂️
Viele Menschen sind offensichtlich journalistisches „Einordnen“ und „Faktenchecks“ zunehmend leid. Insbesondere, weil verlässlich „Nazi“ und „rechtsextrem“ eingebracht wird, sobald es um Höcke oder eben die AFD geht.
Das ist bestimmt schon hundertausende Mal gesagt worden, denke ich. Und? Was bringt es?
Scheint irgendwie so ein Zwangs-Juckreiz der Medien zu sein, man kann nicht aufhören obwohl es schon blutet (in Form stetig steigender elektoraler Zustimmung des Souveräns zur AFD).
Sollte man da nichtmal die Methodik evaluieren?
Kuschel und Wohlfühlformate haben hingegen die Grünen (Miosgas schwärmerische Hingabe an Habeck lässt grüßen) in den Mainstreammedien und (eingeschränkt) die Linken.
van Aken war ja auch ganz kuschelig bei Ben. 🤣
In der Tat, die Zeit der Gatekeeper und Meinungsmacherrolle der Mainstreammedien ist vorbei. Und genau das ist für die das Problem. Nicht Höcke. Es ist Ben.
Jemand, der völlig ohne GEZ und einen riesigen Redaktionsapparat mit Faktencheckern und Einordnern eine Reichweite generiert, die den anderen die Augen übergehen lassen. Ein Platz, den sie für sich alleine beanspruchen.
Das eigentlich erstaunlichste (für mich jedenfalls) ist, dass in einer Zeit in der weite Teile der Bevölkerung schon Probleme haben, ein 30sec. TikTok durchzustehen, sich ausweislich der Kommentare (einfach mal querlesen) so viele Leute die Zeit (viereinhalb Stunden!) genommen haben, um sich das anzuschauen.
Gut, oft auf Stundenhäppchen verteilt, aber immerhin.
Und es ist ja nun auch nicht lustig oder so, nix explodiert, keine Typen hüpfen aus dem Schrank oder so. Man muss einfach zuhören. Und zwar konzentriert. 🤔