„Gespräche, die dich weiterbringen.“ So beschreibt Ben Berndt sein Podcast-Format „ungeskriptet“. Er wolle verstehen, lernen, den Horizont erweitern. Besonders interessierten ihn Menschen, „die nicht der Norm entsprechen“. Er schneide seine Gespräche nicht, deshalb erlebe man Gäste bei ihm „wahrhaftiger als im TV“. Das klingt sympathisch. Offen. Neugierig. Fast wie ein Gegenentwurf zum ritualisierten Talkshow-Betrieb. Doch ausgerechnet sein aktueller Gast, Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel, dreht den Spiegel um.
Von Hardy Prothmann
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Steinhöfel: Das ist mir viel zu banal, so würde ich nie argumentieren.
Dieser Satz fällt bei Minute 1:02:37 im Gespräch zwischen Ben Berndt und Joachim Steinhöfel (der Link springt direkt an diese Stelle). Kurz zuvor hatte Berndt versucht, Steinhöfels Position zur politischen Abgrenzung und zur sogenannten Brandmauer stark vereinfacht zusammenzufassen. Steinhöfel stoppt ihn öffentlich – und kritisiert damit indirekt die Gesprächsmechanik selbst.
Es ist ein kurzer Moment. Aber ein aufschlussreicher.
Denn plötzlich wird sichtbar, was das Format „ungeskriptet“ normalerweise geschickt verdeckt:
Die Gespräche wirken offen, lang und ungefiltert. Tatsächlich folgen sie oft einer klaren Mechanik aus Zuspitzung, Vereinfachung und emotional anschlussfähigen Konfliktlinien.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Korrektur selbst als Berndts Reaktion darauf. Für einen Moment scheint die Atmosphäre zu kippen. Berndt schaut kurz sprachlos und vertieft den Widerspruch nicht. Er präzisiert nicht. Stattdessen lächelt Berndt den Wirkungstreffer weg, absorbiert eine mögliche Auseinandersetzung und zieht das Gespräch sofort wieder auf die Metaebene:
Berndt: Spannend. Das heißt, du siehst politisch Probleme bei der CDU, Probleme bei der AfD… Wenn wir das jetzt ganz weit rauszoomen…
„Spannend“ ersetzt an entscheidenden Stellen eine Nachfrage. Die Reibung bleibt kurz. Das Gespräch fließt weiter. Steinhöfel belässt es bei der kleinen, aber präzisen Intervention.

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Das eigentliche Produkt ist Aufmerksamkeit
„ungeskriptet“ ist längst mehr als ein langes Gespräch vor laufender Kamera. Das Format folgt einer klar erkennbaren Dramaturgie, einer präzisen Plattformlogik – und einer politischen Distributionsmechanik, die deutlich über bloßes Zuhören hinausgeht.
Das eigentliche Produkt sind nicht die Gespräche. Es ist Aufmerksamkeit außerhalb des „Mainstreams“.
Und zwar hochgradig organisierte Aufmerksamkeit.
Framing von Anfang bis Ende
Das Gespräch beginnt nicht mit dem Gespräch. Bereits die Rahmung folgt festen Mustern.
Vor dem Höcke-Gespräch, das innerhalb weniger Tage millionenfache Aufrufe erreichte, beschreibt Berndt seinen Gast als jemanden, der „großen Rückhalt aus weiten Teilen der Bevölkerung“ genieße und zugleich als „personifiziertes Böse“ dargestellt werde. Das ist nicht nur eine zugespitzte Ankündigung. Die Formulierung hält einer Überprüfung kaum stand.
Höcke konnte bei der Thüringer Landtagswahl 2024 nicht einmal seinen eigenen Wahlkreis direkt gewinnen. Laut Statista zeigten sich 2024 rund 64 Prozent der Thüringer mit seiner politischen Arbeit unzufrieden, nur rund 21 Prozent zufrieden. Auch bundesweit bleibt seine Zustimmung begrenzt.
Die Beschreibung eines „großen Rückhalts aus weiten Teilen der Bevölkerung“ vergrößert diese tatsächliche Größenordnung erheblich.
Die eigentliche Dramaturgie entsteht deshalb nicht im Gespräch selbst, sondern in dessen Verwertung.
Genau darin liegt die Wirkung solcher Frames: Aus einer politisch relevanten, aber klar begrenzten Minderheitenposition entsteht sprachlich ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.
Ob dies aus mangelnder Prüfung, dramaturgischer Zuspitzung oder beidem entsteht, bleibt offen. Die Wirkung ist jedoch eindeutig.
Hinzu kommen Trailer, Shorts und Vorankündigungen, die nach denselben Prinzipien funktionieren: Zuspitzung, Konfliktbegriffe, Emotionalisierung, Wiedererkennbarkeit.
Das Gespräch beginnt also nicht erst mit dem Gespräch selbst. Es beginnt mit dem Framing davor – und setzt sich nach dem Gespräch in der kuratierten Weiterverwertung fort.
Die Shorts sind das Distributionssystem
Besonders sichtbar wird das bei den Shorts. Sie sind nicht Dokumentation eines Gesprächsverlaufs. Sie sind redaktionell hergestellte Distributionsprodukte.
Aus langen Gesprächen werden gezielt kurze Sequenzen extrahiert, neu gerahmt und über digitale Plattformen systematisch ausgespielt. Die Auswahl folgt dabei erkennbaren Mustern: Konflikt, Tabubruch, Bedrohung, Systemkritik, Emotionalisierung, identitätspolitische Trigger.

Montage: geprothmannt. Quelle: ungeskriptet. Plattformlogik und Resonanzraum.
Im Fall der Höcke-Folge werden etwa Aussagen wie diese hervorgehoben:
„Deutschland ist die schuldige Nation.“ (Link)
„Mordkomplott gegen das deutsche Volk.“ (Link)
„Beschränkte Meinungsfreiheit.“ (Link)
Diese Ausschnitte sind keine neutralen Dokumentationen des Gesprächs. Sie werden gesucht, gefunden, isoliert, verdichtet und emotional aufgeladen. Damit verändert sich ihre Funktion fundamental. Die Shorts markieren damit zugleich, was vom Gespräch erinnerbar bleiben soll.
Im langen Gespräch erscheinen solche Aussagen eingebettet in Biografie, Alltag und persönliche Erzählung. Im Short werden sie, hart geschnitten, zur eigenständigen Botschaft.
Die Gespräche liefern das Rohmaterial. Die Plattformlogik übersetzt es in zirkulationsfähige Narrative.
Die eigentliche Dramaturgie entsteht deshalb nicht im Gespräch selbst, sondern in dessen Verwertung.
„Spannend“: Herr Steinhöfel rekuriert auf das Berndt-Gespräch mit Höcke und wird deutlich:
Man kann auch mal dazwischengehen. (gesamter Wortlaut hier)
oder
Und da hat man bei einigen Bemerkungen, die ich gelesen habe, hätte ich auch sehr, sehr deutlich, aber höflich ihn konfrontiert mit dem, was er da eigentlich gesagt hat. Selbstmord am deutschen Volk und so ein Bullshit. Come on. (39:26, hier im Video)

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Offenheit ersetzt keine Prüfung
Berndt ist aber keiner, der dazwischen geht oder gar Stellung bezieht. Er beschreibt sich selbst nicht als Journalist. Er wolle verstehen, nicht konfrontieren. Diese Selbstbeschreibung wirkt zunächst entwaffnend. Wer „nur verstehen“ will, scheint nicht verantwortlich für das Gesagte zu sein.
Tatsächlich übernimmt Berndt mit seinem (Redaktions-?)Team jedoch zentrale journalistische Funktionen: Es wählt Gesprächspartner aus, setzt Themen, rahmt Inhalte, produziert Öffentlichkeit und organisiert Reichweite.
Gleichzeitig verzichtet es weitgehend auf das, was journalistische Arbeit traditionell ausmacht: systematische Prüfung, Einordnung, Gegenrecherche, Reibung.
Das wird besonders dort sichtbar, wo politische oder historische Aussagen in den Raum gestellt werden.
Björn Höcke spricht etwa von einer „demographischen Katastrophe“, von „beschränkter Meinungsfreiheit“ oder einem „Mordkomplott gegen das deutsche Volk“. Er relativiert historische Verantwortung Deutschlands und beschreibt die USA als moralisch überhöhte Weltmacht. Viele dieser Aussagen folgen bekannten Mustern rechtsnationaler oder neurechter Erzählungen: Bedrohung des Volkes, kultureller Niedergang, delegitimierte Öffentlichkeit, vermeintliche Tabus.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede Aussage falsch wäre. Manche greifen reale Konflikte oder historische Debatten auf. Entscheidend ist etwas anderes:
Die Aussagen werden kaum überprüft. Sie werden entfaltet.
Das Gespräch funktioniert dadurch weniger als Erkenntnisraum denn als Resonanzraum.
Wenn der Resonanzraum zurückspricht
Interessant ist, dass dieser Mechanismus inzwischen sogar innerhalb des Formats sichtbar wird.
Im Gespräch mit dem Anwalt Joachim Steinhöfel wird Berndts Gesprächsführung erstmals selbst zum Thema. Steinhöfel kritisiert ausdrücklich, dass Berndt Gäste „manchmal vielleicht etwas zu lange“ reden lasse und man „ab und zu mal dazwischen gehen“ müsse. Mit Blick auf das Höcke-Gespräch sagt er offen, bestimmte Aussagen hätte man „deutlich, aber höflich“ konfrontieren müssen – etwa Formulierungen wie „Selbstmord am deutschen Volk“.
Das Steinhöfel-Gespräch ist damit der bislang deutlichste Fall, in dem ein Gast die Mechanik des Formats selbst offenlegt.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Kritik als ihr Effekt.
Berndt reagiert selbst für seine Verhältnisse auffallend defensiv und vermeidet eine methodische Verteidigung. Er absorbiert die Kritik in den Gesprächsfluss. Das Format verändert sich nicht. Die Reibung entsteht nicht durch den Host, sondern durch Gäste, die selbst Widerspruch erzeugen.
Der Unterschied zu anderen Folgen liegt deshalb weniger in einer anderen Methodik des Hosts als in der Durchsetzungsfähigkeit des Gastes Steinhöfel.
Das Format bleibt Resonanzraum – auch dort, wo dieser Resonanzraum punktuell Gegenrede integriert.
Länge ersetzt keine Erkenntnis
Die oft betonte Dauer der Gespräche verstärkt diesen Effekt.
Viereinhalb Stunden Höcke wirken wie ein Gegenmodell zur hektischen Medienlogik. Tatsächlich erzeugt Länge zunächst vor allem eines: Kohärenz. Positionen wirken plausibler, wenn sie ausführlich erzählt werden dürfen.
Das ist nicht dasselbe wie Erkenntnis. Ein Argument wird nicht belastbarer, weil es länger vorgetragen wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was genau lernt man aus diesen Gesprächen?
Die Antwort bleibt erstaunlich unklar. Man erhält Einblicke in Denkweisen, Selbstbilder und Narrative der Gäste. Man erlebt Selbstdarstellung in Echtzeit.
Was weitgehend fehlt, ist die zweite Ebene: Prüfung.
- Wo beginnt Überdehnung?
- Welche Begriffe bleiben bewusst unscharf?
- Welche Behauptungen halten einer Überprüfung stand?
- Welche nicht?
Gerade dort, wo das Format Erkenntnis verspricht, verwechselt es häufig Offenheit mit Wahrhaftigkeit.
Ungeschnitten bedeutet nicht automatisch wahr.
Die politische Wirkung entsteht im Ausschnitt
Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg liegt nicht im langen Gespräch, sondern in seiner algorithmischen Weiterverarbeitung.
Die Ausschnitte zirkulieren millionenfach auf Plattformen wie YouTube, Instagram, TikTok oder X. Dort erscheinen sie nicht mehr als Teil eines komplexen Gesprächs, sondern als eigenständige Botschaften.
Und genau dadurch entsteht politische Anschlussfähigkeit.
Das Format macht sich die Aussagen seiner Gäste formal nicht zu eigen. Gerade darin liegt seine strukturelle Besonderheit. Die politische Wirkung entsteht nicht über offene Parteinahme, sondern über Reichweite, Wiederholung und emotionale Anschlussfähigkeit.
Das ist keine neutrale Gesprächsplattform.
Denn wer Aussagen auswählt, zuspitzt und millionenfach distribuiert, handelt redaktionell – auch dann, wenn er sich selbst nicht als Journalist versteht.

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Reichweite ohne Prüfpflicht
Das Modell ist erfolgreich, weil es mehrere Bedürfnisse gleichzeitig bedient.
Es liefert:
- lange Gespräche,
- scheinbare Offenheit,
- emotionale Authentizität,
- klare Konflikte,
- starke Figuren,
- algorithmisch verwertbare Zuspitzung.
Es verbindet damit die kulturelle Legitimation „echter Gespräche“ mit der Logik digitaler Plattformen.
Der Host erscheint als neugieriger Zuhörer, nicht als Akteur. Genau das reduziert Widerstand. Kritik am Format wirkt dadurch schnell wie Kritik an Offenheit selbst.
Und genau so entsteht eine Position mit enormer Reichweite bei vergleichsweise geringer Verantwortung.
Und der Journalismus?
Die spannendste Frage beginnt eigentlich erst hier.
- Wie soll Journalismus auf solche Formate reagieren?
- Ignorieren? Kritisieren? Integrieren? Nachahmen?
„Ungeskriptet“ zeigt sehr deutlich, wo klassische Medien schwach geworden sind: in ihrer Vorhersehbarkeit, ihrer Ritualisierung, ihrer Angst vor längeren offenen Gesprächen.
Gleichzeitig zeigt das Format aber auch, was passiert, wenn Offenheit von journalistischer Prüfung entkoppelt wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob man mit kontroversen Figuren sprechen darf. Sondern: Was mit ihren Aussagen geschieht?
Denn Reichweite ist nicht neutral. Offenheit entbindet nicht von Verantwortung.
Und möglicherweise markiert genau das Steinhöfel-Gespräch einen Wendepunkt. Erstmals wird die fehlende Reibung des Formats nicht von außen kritisiert, sondern im Format selbst sichtbar gemacht.
Die Frage ist nun, ob „ungeskriptet“ daraus Konsequenzen zieht. Denn wenn das Format weiterhin Erkenntnis verspricht, sich aber systematisch vor Prüfung drückt, entsteht ein Widerspruch, der auf Dauer sichtbar bleibt.
Am 2. Mai 2026 bat ich Herrn Berndt um Stellungnahme zu diesen Fragen:
- zum behaupteten Erkenntnisgewinn des Höcke-Gesprächs,
- zur Rolle journalistischer Prüfung im Format,
- zur Auswahl und Zuspitzung der Shorts,
- sowie zum Verhältnis von Reichweite, Journalismus und Verantwortung.
Bis heute, 14 Tage später, liegt noch keine Antwort vor.
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