Amann zerstört „Ben ungeskriptet“ oder wieso eine Rakete noch kein Raumfahrtprogramm macht

Ok. Die Schlagzeile ist Youtube-like. Sie hätte auch lauten können: Souveräne Amann zeigt Berndt dessen Grenzen auf. Der reichweitenstarke Podcast droht an seiner eigenen Resonanz zu scheitern, wenn es den Resonanzraum verlässt und inhaltlich geprüft wird. Nicht „ungeskriptet“ hat 5,5 Millionen Zuschauer gezogen. Höcke hat „ungeskriptet“ auf 5,5 Millionen gezogen.

Von Hardy Prothmann

Das Interessanteste an „ungeskriptet“ passiert längst nicht mehr im Studio. Es passiert darunter. In den Kommentarspalten. Dort liegt inzwischen offener als in jedem Gespräch selbst, worauf dieses Format tatsächlich basiert — und worauf nicht.

Das Gespräch mit Melanie Amann macht das brutal sichtbar.

Da sitzt kein schutzloser Außenseiter. Sondern ein zwei Meter großer „MMA-Kämpfer“ mit Millionenreichweite, in seinem professionellem Studio, Team, wirtschaftlichem Erfolg und maximaler Aufmerksamkeit. Eingeladen hat er Melanie Amann selbst.

Kaum läuft die Folge an, beginnen die Kommentare:

„Pass auf, Ben.“
„Die stellt dir eine Falle.“
„Typisch Spiegel.“
„Propaganda.“
„Truller.“
„Linksgrüne Hetzerin.“

Zu diesem Zeitpunkt ist inhaltlich praktisch nichts passiert. Keine Eskalation. Kein Streit. Keine harte Zuspitzung. Nur die Anwesenheit von Melanie Amann.

Das ist psychologisch hochinteressant.

Denn verteidigt wird längst nicht mehr einfach Ben Berndt. Verteidigt wird ein Gegenraum.

Dabei geht es nicht um Frau Amann. Es geht nur um das Symbol in den Augen der „Bubble“. Diese Community reagiert längst nicht mehr primär auf Inhalte. Sie reagiert auf Symbole. Auf Rollen, hier Höcke, dort Amann. Auf kulturelle Zuordnung. Melanie Amann ist dort nicht einfach Melanie Amann. Sie ist ehemals Spiegel, jetzt Funke Mediengruppe (zahlreiche Regionalzeitungen, darunter Thüringer Allgemeine). Journalismus. Einordnung. Deutungshoheit. Institutionelle Medienmacht. Das System.

Dasselbe Muster funktionierte vorher bei Höcke. Nur spiegelverkehrt: Er roch nicht nach Schwefel – Amann schon für die Ben’sche Community und ist in Person der Teufel.

Höcke war die Rakete

Und genau deshalb sind die Zahlen so interessant. Sie zerlegen das Selbstbild des Formats fast von allein.

Höcke: 5,5 Millionen Aufrufe. Über 100.000 Kommentare. Danach: Holger Friedrich knapp 600.000 (5.200 Kommentare). Steinhöfel etwa 550.000 (6.500 Kommentare). Amann ist noch offen – man darf gespannt sein, wie viele Aufrufe das werden.

Noch deutlicher: 3 Stunden nach Veröffentlichung hat die Amann-Folge bereits 5.000 Kommentare, bei gerade mal 60.000 Aufrufen.

Das ist kein normaler Reichweitenunterschied mehr. Das ist ein anderer Aggregatzustand von Aufmerksamkeit.

Die Kommentare bei der „ungeskriptet“-Folge mit Melanie Amann überschlagen sich – volle Verteidigunshaltung bei den Kommentatoren: Alle für Ben gegen Melanie. Quelle: ungeskriptet, Bearbeitung: geprothmannt.de

Und damit wird eine für Ben Berndt unangenehme These immer plausibler: Nicht „ungeskriptet“ hat 5,5 Millionen Zuschauer gezogen. Höcke hat „ungeskriptet“ auf 5,5 Millionen gezogen.

Die Leute kamen nicht wegen des Gesprächs. Sie kamen wegen Höcke. Wegen Tabubruch. Gegenöffentlichkeit. Identifikation. Aufregung. Kulturkampf. Maximal aufgeladen.

„Ungeskriptet“ ist hochgradig geskriptet

Man sieht das inzwischen sogar offen in den Kommentaren. „Bin raus, wenige Minuten reichen“, schreibt jemand unter Amann. Das ist ein fast ehrlicher Satz. Denn darin steckt die Wahrheit über einen erheblichen Teil der Resonanz: Viele wollen gar nicht lernen. Nicht prüfen. Nicht abwägen. Sie kaufen die Figur, nicht das Gespräch.

Wie ein Produkt. Höcke war das Premiumprodukt. Der Maximalbooster. Eine Rakete.

Denn genau jetzt beginnt das Problem von Ben Berndt. Mit Melanie Amann muss er sich und sein Format plötzlich selbst erklären. Und genau das kann ihm gefährlich werden.

„Ungeskriptet“ verkauft sich als radikal offen, roh, unverstellt. Tatsächlich ist das Format hochgradig gerahmt. Nicht durch harte Kontrolle. Sondern durch deren systematische Vermeidung.

Maximal ritualisierte Offenheit. Möglichst wenig Reibung. Möglichst wenig Unterbrechung. Möglichst wenig Präzisierung. Der Gesprächsfluss soll nicht gestört werden. Atmosphäre vor Analyse.

Das wirkt frei. Ist aber ein völlig geskriptete Methode.

Warum Melanie Amann gefährlich wurde

Amann trifft diesen Punkt früh ziemlich präzise, als sie sinngemäß sagt: Du gibst Höcke einfach das Mikrofon und sagst: „Erzähl doch mal.“ Genau dort hätte sie noch härter werden können. Denn die eigentliche Frage lautet nicht nur, warum Berndt nicht stärker widerspricht. Sondern warum er seine Gesprächsführung permanent als Erkenntnismodell verkauft, obwohl sie in Wahrheit vor allem ein Resonanzmodell ist.

Der rhetorische Rückzug des Ben Berndt

Berndt verteidigt sich mehrfach sichtbar. Er spricht davon, lernen zu wollen. Offen sein zu wollen. Zuhören zu wollen. Das klingt sympathisch. Fast demütig. Tatsächlich macht er das rhetorisch nicht ungeschickt – aber es bleibt ein Rechtfertigungsrückzug. Denn wer nur „verstehen“ will, muss nicht prüfen. Nicht zuspitzen. Nicht widersprechen. Nicht einordnen.

Maximale Wirkung bei minimaler Verantwortung. Genau darin liegt das eigentliche Geschäftsmodell. Das Gespräch ist nicht das Ziel. Es ist das Mittel.

Provokation ankündigen. Projektionsfiguren einladen. Konflikte emotional aufladen. Clips verbreiten. Community aktivieren. Aufmerksamkeit steigern. Das ist keine neue Öffentlichkeit. Das ist perfekte Plattformlogik. Und mutmaßlich sehr lukrativ. Früher wurden auf mittelalterlichen Marktplätzen „Die Frau mit dem Bart“, „Das häßliche Ungeheuer“ und „Der unglaubliche Riese“ in ähnlicher Weise verkauft.

„ungeskriptet“ lebt vollständig parasitär von Journalismus, während es sich gleichzeitig gegen ihn inszeniert. Die Konflikte, Skandale, Figuren und politischen Aufladungen entstehen anderswo: durch die enorme Vorarbeit klassische Medien, Recherche, politische Berichterstattung, viel Zeit, vor Ort, dabei. Auch die Arbeit rechtsstaatlicher Organe. Ohne diese Vorarbeit gäbe es viele dieser Gespräche überhaupt nicht.

Gleichzeitig wird genau diese Grundlage permanent delegitimiert.

Die Community im Alarmmodus

Auch deshalb ist der Verteidigungsreflex der Community inzwischen fast rührend. Da sitzt kein verunsicherter Außenseiter. Sondern ein wirtschaftlich extrem erfolgreicher Medienunternehmer mit Millionenreichweite, großem Studio, Team und maximaler Aufmerksamkeit. Eingeladen hat er Amann selbst.

Und trotzdem reagieren Teile der Community, als müsse ein schutzloser Dissident gegen eine hinterlistige Intrigantin verteidigt werden:

„Pass auf.“
„Die will dich grillen.“
„Falle.“
„Manipulation.“

Das ist psychologisch hochinteressant. Denn verteidigt wird längst nicht mehr einfach Ben Berndt. Verteidigt wird ein Gegenraum, Der eigene. Ein Ort, an dem man sich nicht „eingeordnet“ fühlt.

Genau deshalb ist „Einordnung“ in dieser Community inzwischen fast ein Hasswort geworden. Für Journalisten bedeutet Einordnung: Kontext, Prüfung, Verdichtung. Für große Teile dieser Community bedeutet es: Bevormundung.

Und hier liegt die eigentliche politische Wirkung von „ungeskriptet“. Nicht in analytischer Stärke. Nicht in journalistischer Tiefe. Sondern in der Organisation von Medienfrust.

Das Format ungeskriptet ist inhaltlich begrenzt

Das Format bündelt das Gefühl, dass klassische Medien moralisieren, framen, sortieren und kulturell herabsetzen. Das taugt für enorme Reichweiten. Aber genau dort liegt auch die Grenze – gefeiert wird nur, was erwartet wird. Alles andere ist mindestens enttäuschend, wenn nicht „Verrat“.

Höcke war die perfekte Aufmerksamkeitsrakete. Maximale kulturelle Aufladung. Maximale Projektion. Maximale Resonanz. Der Moment, in dem plötzlich alles explodiert: Reichweite, Kommentare, Aufmerksamkeit, Selbstüberschätzung.

Doch genau solche Raketen haben ein Problem: Sie verglühen.

Denn sie beweisen nicht die Stabilität des Systems. Sondern nur die Wucht des Ausnahmeereignisses.

Und genau das sieht man jetzt. Sobald die symbolische Aufladung schwächer wird, bleibt plötzlich nur noch das Gespräch übrig. Und dort wird es dünn.

Steinhöfel hat das bereits offen sichtbar gemacht. Mehrfach widersprach er Berndt direkt, nannte Aussagen aus dem Höcke-Gespräch „Bullshit“ und forderte mehr Präzision. Berndt reagierte fast immer gleich: lächeln, entschärfen, weitergehen.

Nicht Reibung vermeiden, um Erkenntnis zu ermöglichen. Sondern Reibung vermeiden, um die Atmosphäre zu schützen.

Wenn die Projektion nachlässt

Das funktioniert hervorragend als Resonanzstrategie. Aber schlecht als Modell, das sein Qualitätsversprechen auch einlöst: Nämlich Gespräche zu liefern, von denen man lernen kann, die einen weiterbringen.

Und genau deshalb könnte Melanie Amann rückblickend ein strategischer Fehler gewesen sein. Nicht weil sie Berndt zerstört hätte. Sondern weil sie ihn dazu zwingt, die eigentliche Leerstelle seines Formats offenzulegen.

Nämlich diese: Was bleibt übrig, wenn man die symbolische Aufladung abzieht?

Bislang lautet die Antwort vor allem: ein sehr gut organisierter Raum für emotionale Anschlussfähigkeit.

Merke: Eine Rakete macht noch kein Raumfahrtprogramm.

Die Folge mit Melanie Amann hatte noch kaum angefangen, schon hagelte es abwertende und beleidigende Kommentare – das Team von Berndt lässt laufen. Quelle: „ungeskriptet“


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