Ich lese bei Franz Sommerfeld auf LinkedIn einen interessanten, nüchternen, fast feuilletonistisch ruhigen Beitrag über ein aktuelles Interview der „Zeit“ mit Ulf Poschardt. Sommerfeld verweist auf eine Kolumne der FAS-Feuilleton-Chefin Julia Encke, die deutlich bissiger formuliert und völlig zu Recht fragt, was da eigentlich passiert: Warum wird jemand wie Poschardt in großen Medien teilweise eher als atmosphärisches Ereignis behandelt als als Gegenstand kritischer Analyse?
Von Hardy Prothmann
Worum geht es hier eigentlich noch? Um Inhalte? Um Erkenntnis? Um journalistische Leistung? Um Wissen? Um Analyse?
Melanie Amann ging zu Ben Berndt und macht daraus ebenfalls ein Medienereignis.
Klare Antwort: Es geht um Aufmerksamkeit. Um Reichweite. Um Klickdynamik. Um Publikumsbewegung.
Berndt ist ein Zweit- und Drittverwerter
Ben Berndt etwa wird behandelt wie ein medienkulturelles Phänomen. Warum eigentlich? Was hat er denn journalistisch gehoben? Welche Biografie hat er freigelegt? Welche Recherche hat er selbst hervorgebracht? Welches Thema hat er originär erschlossen?
Klare Antwort: nichts.
Er lebt fast vollständig von Vorarbeit anderer, von Parteien, von Medien, von Wikipedia, von öffentlichen Narrativen, von bestehenden Konflikten, von bereits aufgebauten Personenmarken. Er kuratiert Aufmerksamkeit.
Das ist etwas völlig anderes als klassischer Recherchejournalismus.
Und ausgerechnet dieses Format verkauft sich dann als „ungeskriptet“, als besonders roh, offen, ehrlich und authentisch.

Das hat Ben Berndt wirklich so gesagt. Nicht nur, dass er den ersten Satz des Grundgesetzes nicht kennt, er zitiert aus einem anderen Artikel und das auch noch falsch. Für Bildungshungrige steht unten die Auflösung.
Reichweite hat meist nichts mit Relevanz zu tun
Dabei ist die Ironie medienstrukturell bemerkenswert. Berndt sitzt dort meist hochgradig geskripteten Menschen gegenüber. Politikern mit Kommunikationsapparaten. Personenmarken mit Social-Media-Teams. Öffentlichen Figuren, die seit Jahren trainiert darin sind, Narrative zu setzen. Und alle tun so, als würde dort gerade eine neue Form radikaler Echtheit entstehen.
Was entsteht, ist vor allem Reichweitenverstärkung.
Die moderne Medienwelt verwechselt zunehmend Reichweite mit Relevanz und Relevanz mit Qualität. Das ist der eigentliche Fehler.
Denn Reichweite beweist zunächst einmal fast nichts. Nicht Intelligenz. Nicht Kompetenz. Nicht Erkenntnistiefe. Nicht journalistische Qualität.
Warum geraten etablierte Medien davon inzwischen selbst derart in Unruhe? Das ist die interessante Frage. Vielleicht weil sie selbst begonnen haben, an ihren eigenen professionellen Verfahren zu zweifeln? Denn plötzlich gilt „geskriptet“ beinahe als Schimpfwort.
Keine Gesellschaft ohne Skripte
Dabei basiert jede funktionierende moderne Gesellschaft auf Skripten, ob Rechtsstaat, demokratische Gremien wie Parlamente oder Gemeinderäte, wissenschaftliche Verfahren, Schule, Verträge, Spielregeln, selbst Sprache.
Skripte sind nicht das Gegenteil von Freiheit. Skripte sind die Voraussetzung dafür, dass komplexe Systeme überhaupt funktionieren.
Ein gutes Interview folgt einem gedanklichen Skript. Eine gute Recherche folgt einem methodischen Skript. Ein Rechtsstaat folgt einem normativen Skript.
Das Problem ist nicht das Skript. Das Problem ist schlechtes Denken.
Doch heute wird häufig genau das Gegenteil romantisiert. Unstrukturiertheit wird als Authentizität verkauft, Improvisation als Wahrhaftigkeit oder Unvorbereitetheit als Mut.
Björn Höcke bei „ungeskriptet“ – knapp sechs Millionen Aufrufe. Und was genau war daran journalistisch bemerkenswert?
Aber analysieren wir das doch einmal logisch. Was genau ist dort passiert?
Team Björn-Ben vs. „die Medien“
Viereinhalb Stunden Bühne für einen hochprofessionellen AfD-Politiker mit jahrelanger Medienerfahrung, rhetorischer Disziplin, klarer ideologischer Linie und enormer Mobilisierungskraft — weitgehend ohne ernsthafte journalistische Gegenstruktur. Natürlich erzeugt das Reichweite. Die strukturellen Voraussetzungen für hohe Reichweite waren bereits vorhanden.
Die eigentliche Frage lautet nicht: „Wie konnte Ben Berndt das schaffen?“
Stellen wir uns dieselbe Situation doch einmal beim rbb, ZDF oder der ARD vor: Viereinhalb Stunden Merz. Kaum Unterbrechung. Kaum strukturierende Nachfrage. Kaum faktische Konfrontation.
Das würde sofort als journalistisches Versagen diskutiert. Die Menge, die gerade als Community für Berndt schwärmt, hätte kollektiv Schaum vorm Maul. Zu Recht.
Doch bei „ungeskriptet“ wird genau dieselbe fehlende journalistische Struktur plötzlich als Authentizitätsbeweis gefeiert. Das ist die eigentliche Absurdität.
Unvermögen wird zu Geld gemacht
Die Schwäche wird zum Markenversprechen umcodiert. So banal ist das.
Die fehlende journalistische Kompetenz erscheint plötzlich als besondere Ehrlichkeit. Die fehlende Struktur als Freiheit. Die fehlende Vorbereitung als Mut. Die fehlende Einordnung als Offenheit.
Und genau darin steckt die eigentliche medienkulturelle Verschiebung. Nicht ein Können erzeugt Aufmerksamkeit, sondern die Simulation von Unmittelbarkeit. Und damit ist viel Geld zu machen.
Der Clou dabei ist, dass die Reichweiten hochgradig plattformlogisch erzeugt werden. Durch Algorithmen. Durch Konfliktdynamiken. Durch Polarisierung. Durch Empfehlungssysteme. Durch digitale Erregungsmechaniken. Nicht durch besondere Erkenntnistiefe.
Der eigentliche Treppenwitz liegt im Selbstanspruch von Ben Berndt: Gespräche, die einen weiterbringen, aus denen man etwas mitnehmen kann.
Tatsächlich funktioniert das Format eher wie ein mediales All-you-can-eat-System permanenter Erregung. Kaum ist ein Thema konsumiert, folgt bereits das nächste Krisen-, Tabu- oder Enthüllungsnarrativ.
Das Problem ist dabei nicht, dass Menschen solche Inhalte konsumieren. Das Problem ist, dass professionelle Medien zunehmend beginnen, dieselben Aufmerksamkeitsmechaniken mit journalistischer Relevanz zu verwechseln. Die Fassade wird wichtiger als die Substanz.
Der professionelle Journalismus delegitimiert damit indirekt seine eigenen professionellen Verfahren, statt sich auf seine Stärken zu besinnen.
Politikkunde für Ben Berndt und seine Community
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
…
Art 20
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
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