Archiv der Kategorie: Kommentar

Wer genau hinschaut, sieht Fassade

Ich lese bei Franz Sommerfeld auf LinkedIn einen interessanten, nüchternen, fast feuilletonistisch ruhigen Beitrag über ein aktuelles Interview der „Zeit“ mit Ulf Poschardt. Sommerfeld verweist auf eine Kolumne der FAS-Feuilleton-Chefin Julia Encke, die deutlich bissiger formuliert und völlig zu Recht fragt, was da eigentlich passiert: Warum wird jemand wie Poschardt in großen Medien teilweise eher als atmosphärisches Ereignis behandelt als als Gegenstand kritischer Analyse?

Von Hardy Prothmann

Worum geht es hier eigentlich noch? Um Inhalte? Um Erkenntnis? Um journalistische Leistung? Um Wissen? Um Analyse?

Melanie Amann ging zu Ben Berndt und macht daraus ebenfalls ein Medienereignis.

Klare Antwort: Es geht um Aufmerksamkeit. Um Reichweite. Um Klickdynamik. Um Publikumsbewegung.

Berndt ist ein Zweit- und Drittverwerter

Ben Berndt etwa wird behandelt wie ein medienkulturelles Phänomen. Warum eigentlich? Was hat er denn journalistisch gehoben? Welche Biografie hat er freigelegt? Welche Recherche hat er selbst hervorgebracht? Welches Thema hat er originär erschlossen? Weiterlesen

Hardy Prothmann. Journalist. Foto: geprothmannt

„ungeskriptet“: Schockstarre nach Maximalprovokation

Der Podcast „Ungeskriptet“ lebt von Journalismus – und erklärt ihn zugleich für überflüssig

Kommentar: Hardy Prothmann

Der Erfolg von „ungeskriptet“ kommt nicht aus dem Nichts. Er trifft einen realen Bedarf. Viele klassische Medienformate sind zu kurz, zu ritualisiert, zu vorhersehbar. Der Wunsch nach längeren Gesprächen ist legitim.

Aber genau hier beginnt die Verwechslung.

Exzessivität ist kein Qualitätskriterium

Exzessive Länge ist kein Qualitätskriterium. Gespielte Offenheit ist keine Methode. Zuhören ist keine Leistung.

„Ungeskriptet“ verspricht Authentizität. Was es liefert, ist empörte Anschlussfähigkeit auf allen Seiten.

Das Format wirkt wie ein Gegenmodell zum Journalismus. Tatsächlich ist es davon abhängig. Es lebt von Informationen, die anderswo entstehen: durch Recherche, durch Redaktionen, durch wissenschaftliche Arbeit, durch Gerichte, durch Behörden. Ohne diese Vorarbeit gäbe es keinen Kontext, keine Figuren, keine Konflikte.

Und genau diese Grundlage wird gleichzeitig infrage gestellt.

Informationen werden genutzt, wenn sie passen – und verworfen, wenn sie stören.

Mut ohne Konsequenz

Das ist kein Widerspruch. Das folgt einem erkennbaren Muster. Weiterlesen