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Hardy Prothmann. Journalist. Foto: geprothmannt

„ungeskriptet“: Schockstarre nach Maximalprovokation

Der Podcast „Ungeskriptet“ lebt von Journalismus – und erklärt ihn zugleich für überflüssig

Kommentar: Hardy Prothmann

Der Erfolg von „ungeskriptet“ kommt nicht aus dem Nichts. Er trifft einen realen Bedarf. Viele klassische Medienformate sind zu kurz, zu ritualisiert, zu vorhersehbar. Der Wunsch nach längeren Gesprächen ist legitim.

Aber genau hier beginnt die Verwechslung.

Exzessivität ist kein Qualitätskriterium

Exzessive Länge ist kein Qualitätskriterium. Gespielte Offenheit ist keine Methode. Zuhören ist keine Leistung.

„Ungeskriptet“ verspricht Authentizität. Was es liefert, ist empörte Anschlussfähigkeit auf allen Seiten.

Das Format wirkt wie ein Gegenmodell zum Journalismus. Tatsächlich ist es davon abhängig. Es lebt von Informationen, die anderswo entstehen: durch Recherche, durch Redaktionen, durch wissenschaftliche Arbeit, durch Gerichte, durch Behörden. Ohne diese Vorarbeit gäbe es keinen Kontext, keine Figuren, keine Konflikte.

Und genau diese Grundlage wird gleichzeitig infrage gestellt.

Informationen werden genutzt, wenn sie passen – und verworfen, wenn sie stören.

Mut ohne Konsequenz

Das ist kein Widerspruch. Das folgt einem erkennbaren Muster. Weiterlesen

Bildmontage: Prothmann. Verwendete Bildquellen: Foto Prothmann, Foto Ben Berndt, Bildrechte ungeskriptet media GmbH, Fotograf: ungeskriptet

Entschlüsselt: Das Skript hinter „ungeskriptet“

Wie ein Podcast Offenheit inszeniert und Aufmerksamkeit produziert
Von Hardy Prothmann

„4,5 Stunden spreche ich mit einem Mann, der auf der einen Seite großen Rückhalt aus weiten Teilen der Bevölkerung genießt, und auf der anderen Seite gerne als das personifizierte Böse dargestellt wird.“

So rahmt Ben Berndt sein Gespräch mit Björn Höcke in seinem Podcast-Format „ungeskriptet“. Und jubiliert auf Twitter:

„Der Podcast hat in etwas mehr als 24 Stunden 1,2 mio Aufrufe mit mehr als 100k likes, mehr als 30k Kommentare, überwältigend positiv. Das dürfte das erfolgreichste politische Video gewesen sein, was es jemals auf YouTube Deutschland gab.“

Nach zwei Tagen werden es über zwei Millionen Aufrufe sein.

Der Frame vor dem Gespräch

Der Satz aus der Videobeschreibung ist bemerkenswert, weil er das Format in einem Moment offenlegt. Er enthält bereits die Dramaturgie: Polarisierung, Überhöhung, Spannung. Und er enthält eine Behauptung, die einer Überprüfung nicht standhält.

Wie aus Minderheit „breiter Rückhalt“ wird

Ein Blick auf die Zahlen: Thüringen stellt rund 2,5 Prozent der deutschen Bevölkerung – etwa 2,1 Millionen von rund 84 Millionen Menschen, gut 60 Millionen sind wahlberechtigt. Bei der Landtagswahl 2024 haben 32,8 Prozent der 1,7 Millionen Wahlberechtigten bei einer Wahlbeteiligung von gut 70 Prozent die AfD gewählt. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung Thüringens entspricht das etwa einem Fünftel – in absoluten Zahlen rund 400.000 bis 450.000 Wählern. Björn Höcke selbst verfehlte in seinem Wahlkreis das Direktmandat.

Überträgt man diese Größenordnung auf Deutschland, entspricht das weniger als einem Prozent der Wahlberechtigten (0,7 Prozent).

Die Rahmung „großer Rückhalt in weiten Teilen der Bevölkerung“ ist vor diesem Hintergrund mindestens eine erhebliche Überdehnung.

Diese Verschiebung von Größenordnungen ist kein Detail. Sie verändert die Wahrnehmung: Aus einer klar begrenzten Minderheit wird sprachlich ein „weiter Teil“. Solche Formulierungen wirken präzise, sind es aber nicht und halten einer Überprüfung nicht stand.

Aber sie setzen einen Frame. Weiterlesen